Privates, Halbprivates und A. H. leckt sich selbst

Privates, Halbprivates und A. H. leckt sich selbst

Am interessantesten sind Retrospektiven bekannter Künstler ja immer dann, wenn sie nicht zum hundertsten Male altbekanntes aufwärmen. Ein solcher, sehenswerter Glücksfall ist die soeben im Münchner Literaturhaus gestartete Ausstellung “Loriot – Spätlese”.

Wer Loriot alias Vicco von Bülow nur aus seinen Fernsehsketchen kennt, dem eröffnen die beiden Kuratoren der Ausstellung, Peter Geyer und O.A. Krimmel in Zusammenarbeit mit der “Komischen Pinakothek” nun die Möglichkeit, tiefe Einblicke in Loriots andere Seite, sein grafisches Werk zu gewinnen.

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O.A.Krimmel, Peter Geyer, Meisi Grill und Reinhard Wittmann bei der Ausstellungseröffnung. Foto: (c)Katrin Moritz

Die Ausstellung im Erdgeschoss des Literaturhauses orientiert sich an verschiedenen Schaffensperioden Loriots, beginnt mit seinen “Frühstücken” und endet mit den “Nachtschattengewächsen”. Dazwischen finden sich “Große Deutsche”, “Halbprivates und Privates”, natürlich die Möpse und ein sehr eigenwilliges und originelles “Gästebuch”.

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Kurator Peter Geyer mit dem Plakat zur Ausstellung Foto: (c) Katrin Moritz

Nachdem Loriot zu Lebzeiten im grellen Licht der Scheinwerfer und der Öffentlichkeit stand, ist diese wohltuend unaufgeregte und dezent ausgeleuchtete Ausstellung typisch für sein feines Understatemant. Nach den großen Erfolgen und bekannten Bildern die Vicco von Bülow mit seiner Kunstfigur Loriot schuf, sucht man hier vergeblich. Zu sehen sind dafür viele Zeichnungen aus den Anfangsjahren des Künstlers, die er für Illustrierte wie die Quick, Stern und Weltbild erstellte.

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Auf dem Weg durch Loriots Schaffen. Foto: (c)Katrin Moritz

Sein subtiler und immer treffsicherer Humor ist in diesen frühen Werken schon erkennbar – Ablehnungsschreiben von Herausgebern zeugen jedoch davon, dass er nicht immer auch von jedem verstanden wurde. Doch Vicco von Bülow ist seiner Linie treu geblieben und hat es geschafft, “uns zu seinem Humor zu erziehen” wie Kurator Peter Geyer, der die vergangenen 18 Jahre an Loriots Seite arbeitete, erzählt.

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Private Zeichnung Loriots. Foto: (c) Katrin Moritz

Ein besonders sehenswerter Bereich der Ausstellung ist Loriots “Gästebuch”. Vicco von Bülow hatte die lästige Angewohnheit, Gästen mit einem Gästebuch auf die Nerven zu gehen, auf seine eigene, typisch hintergründige Art umgesetzt. Seine  Besucher mussten sich nicht in eine Lederkladde eintragen, sondern stattdessen vor seiner Kamera posieren. Loriot als Fotograf! Vor immer gleicher Kulisse (Säule und Vorhang) setzte er seine Gäste, wie Marianne Koch und Horst Buchholz gewitzt in Szene. Alleine diese Bilder sind schon den Besuch der Ausstellung wert.

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Der Meister selbst im Gästebuch verewigt. Foto (c) Loriot

 

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Fressen und gefressen werden aus Sicht von Loriot. Foto: (c)Katrin Moritz

Neben vielen anderen bislang unveröffentlichten Zeichnungen, einer Hommage an Alfred Hitchcock (Die toten Augen von Gauting) und Einblicken in Loriots Trickfilmwerkstatt, ist mein persönliches Highlight eines seiner späten Werke. Losgelöst vom gezeichneten Witz und den Erwartungen an den Humoristen, erschuf er mit seinen “Nachtschattengewächsen” Bilder auf denen er die Welt aus einem anderen Blickwinkel als sonst betrachtet. Darunter ein Portrait des kleinen, großen Österreichers A.H. Dem hat er eine Briefmarke mit seinem eigenen Portrait auf den Mund geklebt. Somit kann sich also A.H. selbst am A. lecken.

Dank an Loriot und die Kuratoren für diese sehens- und liebenswerten Einblicke in das Leben eines großen und hoffentlich nie vergessenen Künstlers.

Die Ausstellung ist von Montag bis Freitag von 11-19 Uhr geöffnet, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen von 10-18 Uhr.

Der Eintritt kostet 6.- Euro/4.- Euro. Studierende zahlen am Ausstellungsmontag nur 2.- Euro

Zum 90.Geburtstag des 2011 verstorbenen Künstlers sind bei Diogenes die Bücher “Spätlese” und “Loriot:Gästebuch” erschienen. (Amazon Partnerlinks)

 

Freiham – Viel Dampf und eine runde Zahl

Freiham – Viel Dampf und eine runde Zahl

Seit Samstag, den 14. September ist es vollbracht. Die 150. S-Bahnhaltestelle in München ist eröffnet. Wenn in fünf bis zehn Jahren die ersten Bewohner in den neu entstehenden Stadtteil Freiham im Westen von München einziehen, dann ist die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel schon da. Bis heute wohnen in Freiham nämlich nur sehr wenige Menschen. Der neu zu bauende Stadtteil besteht auch erst zur Hälfte. Und diese südliche Hälfte ist ein Industriegebiet, mit ein wenig an das Bahngleis gequetschter Wohnbebauung, samt großem Ärtzezentrum das zeitgleich mit der S-Bahn eröffnet wurde. Ein lokales Anzeigenblatt nannte zur Eröffnung den neuen S-Bahn-Halt auf der Strecke der S-8 München-Herrsching daher einen Geisterbahnhof.

Das Gewerbegebiet ist durch Busse und seine direkte Lage an der Autobahn verkehrstechnisch gut angeschlossen. Ein großes Möbelhaus betreibt sogar einen eigenen Bus-Shuttle-Service von Pasing aus ohne Zwischenstopp direkt zum Einkaufsparadies in Freiham.  Bahnhof und Ärztezentrum sind barrierefrei zu erreichen, zumindest dem Zustrom von Patienten und Kunden aus dem ganzen Stadtgebiet steht damit nichts mehr im Wege. Dann ist es am neugebauten Bahnhof schon gar nicht mehr so geisterhaft.

Freiham-Nord auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs, das momentan noch ein Maisfeld ist,  soll im Endausbau Wohnungen für bis zu 20.000 Menschen bereitstellen, ein großes Schulzentrum soll ebenfalls entstehen. Da schadet es nicht, wenn der ÖPNV schon mal da ist.

Doch wie all der zusätzliche Verkehr in den kommenden Jahren durch den neuen Stadtteil zu bewältigen ist, steht eh in den Sternen. Eine Straßenbahn ist angedacht und manche träumen gar von einer U-Bahn. Das Planungsreferat geht noch immer von ausreichender Kapazität der Straßen aus, doch schon jetzt stehen die Hauptstraßen in und um Aubing sowie die A99 im Berufsverkehr vor dem Kollaps. Auch in der S-Bahn sollte man zu Stoßzeiten keine Berührungsängste haben. Es bleibt spannend, wohin sich die Verkehrspolitik im Münchner Westen entwickelt.

Minga, Minga an der Wand

Minga, Minga an der Wand

Nicht erst seit gestern ist Instagram ein voller Erfolg. Jeder der schon mal einen Blick in den Foto-Stream der App geworfen hat, kann bestätigen, dass sich dort (neben vielem anderem) auch jede Menge hochwertiger Fotografien finden lassen.

Yelp-München hat unter der Regie ihrer Community-Managering Vee, nun unter dem etwas sperrigen Titel “Mei Mingaliebe” München-Fotos aus Instagram zusammengestellt, vergrößert, auf Rahmen ziehen lassen und in der Galerie des Schwabinger Restaurants Arts & Boards ausgestellt.

Premiere und Vernissage war am 28.August und bei den ausstellenden Künstlern (ich war einer davon) stellte sich schon ein erhabenes Gefühl ein, als sich immer mehr Ausstellungsbesucher vor den aufgereihten Prints versammelten und eifrig darüber diskutierten. Noch schöner war natürlich, dass sich auch Käufer für diese besonderen Aufnahmen von Münchner Momenten fanden. Die Erlöse der Ausstellung (je Print 49.- Euro abzgl. Herstellungskosten) gehen nämlich nicht an die Künstler, sondern an das Afrika-Projekt “Hilfe für Kwale District“.

Einziger Kritikpunkt der Vernissage war meines Erachtens, dass zu wenig auf die ausstellenden Fotografien und Künstler eingegangen wurde. Die Bilder waren einzig mit dem Namen der Fotografen beschriftet. Bei dem einen oder anderen Foto hätte ich mich gerne mit dem jeweiligen Künstler unterhalten. Nicht immer war der Aufnahmeort oder der Bezug zu München (z.B.bunte Schirme vor blauem Himmel) klar zu erkennen. So hätte ein Namensschild an den anwesenden Fotografen im Publikum sicher positive Auswirkung auf die Kommunikation gehabt. In diesem Punkt wird nun allerdings nachgebessert, in den nächsten Tagen werden in der Galerie die ausgestellten Fotos mit kurzen Künstlerbiographien versehen.

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Alles in allem war die Vernissage ein gelungener und stimmiger Abend, viele Besucher waren vor Ort, die Stimmung war sehr angenehm und auch das Ambiente im Arts & Boards stimmte.

Ich hoffe, dass der Besucherstrom die nächsten Wochen nicht abreisst und durch den Bilderverkauf zahlreiche Spenden für das Hilfsprojekt eingehen. Die Ausstellung “Yelp Pop-up-Galerie Mei Mingaliebe” ist noch bis Ende September zu sehen.

Neuaubing – Unsanftes Erwachen im Schlafwagen

Neuaubing – Unsanftes Erwachen im Schlafwagen

Dieser Artikel erschien 2013 in der Aubing-Neuaubinger-Zeitung

Das Schreckgespenst Wolfgang Nöth geht um in Aubing. Einen „Kunstpark-West“ soll er planen, mitten in Neuaubing im Industriegebiet! Schnell werden auf Flugblättern Horrorszenarien an die Wand gemalt, ohne sich groß um die Faktenlage zu kümmern. Von Diskothekenbetrieb bis in die Morgenstunden, nicht enden wollendem Verkehr, Lärm und Ärger mit alkoholisierten Besuchern ist darin die Rede.
Kurzum, der Kollaps der eh schon stark belasteten Brunhamstraße, die der einzige Zubringer zum Gelände ist, steht unmittelbar bevor.

Furcht vor einem „Kunstpark West“

Doch was hat der gerne als „Hallenkönig“ titulierte Wolfgang Nöth tatsächlich vor. Will er diesen „Kunstpark West“? Schon vor einigen Wochen sollte er auf der Sitzung des Bezirksausschuss 21 Rede und Antwort stehen. Doch Nöth hatte sich bei den Renovierungsarbeiten seiner Hallen verletzt und erschien nicht. Das brachte die Aubinger noch mehr zum kochen, je weniger man wusste was dort vorging, desto wüster die Spekulationen.

Bekannt ist bislang nur soviel: Wolfgang Nöth hat das ehemalige Reparaturwerk der internationalen Schlafwagengesellschaft in Neuaubing für 20 Jahre gepachtet. Diese (nicht denkmalgeschützen) Hallen stehen seit vielen Jahren leer, sind Anfang des 20 Jahrhunderts entstanden und entsprechend marode. Nöth will sie jetzt sanieren und dort Veranstaltungen abhalten.

Der Hallenmogul klärt auf

Gestern Abend war es dann so weit. Der Bezirksausschussvorsitzende Dr. Josef Assal lud die Aubinger zum Forum 22 in die Hallen der Schlafwagengesellschaft ein, um endlich Klarheit zu schaffen. Wolfgang Nöth war geladen und die Aubinger Künstlerin Elvira Auer, die sich schon länger mit der Historie dieser Anlage auseinander setzt.

Wer Wolfgang Nöth kennt, weiß dass er nicht der Typ ist der mit Anzug und Krawatte Seriösität vorspielen will. Nein, Nöth ist ganz er selbst und lässt auch keinen Zweifel daran, dass er sich wegen irgendjemand verbiegen will. Zur Sitzung erschien er in kurzen Hosen, T-Shirt mit dem Aufdruck „Who the fuck is Mick Jagger“, Käppi über den langen grauen Haaren und das gewohnte selbstbewusste Grinsen im Gesicht.

Keine Clubs, keine Diskos

Der Start der Veranstaltung war nicht besonders geglückt, die Akustik in einer der kleineren Hallen war mehr als schlecht, Lautsprecher und Mikrofone gab es nicht. Dafür war die Stimmung um so aufgeheizter. Nach einer kurzen Einführung dann endlich das Statement von Nöth. Ja, er hat die Hallen für die nächsten 20 Jahre gepachtet und nein, er will keinen „Kunstpark West“. Stattdessen soll sein Antikmarkt, der bislang in Freimann steht hierher umziehen. Die kleineren Hallen will er tageweise vermieten, um dort kleine Messen, Vernissagen etc. abzuhalten. Für Discotheken oder Clubs soll kein Platz sein. Zur Frage der Finanzierung ein knappes „Ich kann mir das leisten“. Im Prinzip hätte sich hier die Veranstaltung langsam dem Ende zu neigen können, doch die Aubinger waren aufgebracht und wollten den Versprechen Nöths nicht so recht trauen.

Der weiss um seinen Ruf als Reizfigur und bat darum ihm trotzdem „einfach zu glauben“, auch wenn „der böse Nöth über meinem Kopf steht“. Zwar sei bislang nur eine Bauvoranfrage gestellt, gibt er zu jedoch werde er sich an die darin gemachten Angaben halten. Geöffnet sei der Markt ohnehin nur Donnerstag bis Samstag, jeweils von 7 − 17 Uhr, versucht er zu beschwichtigen.

Droht dennoch der Verkehrskollaps?

Doch das zog bei den Bürgern nicht. Wenn schon kein Kunstpark kommt, dann wird doch zumindest der Besucherverkehr des geplanten Antikmarkts den Verkehr auf der Zufahrtsstraße zum Erliegen bringen. 300 Parkplätze sind für den Markt geplant. Das ist nicht gerade wenig und schürt Angst.

Denn die Lage des Areals ist in der Tat ungünstig. Die schmale Brunhamstraße über die einzig eine Zufahrt möglich ist, ist heute schon eine Staufalle. Sie stellt als Verlängerung der Limesstraße die einzige Nord-Süd-Verbindung von Aubing nach Lochham und Gräfelfing dar. Die Straße wird durch das Bahngleis der S-8 geteilt. Alle zehn Minuten schliesst sich die Schranke, zu den Hauptverkehrszeiten bilden sich lange Staus in Richtung Lochham. Das ist bereits der Ist-Zustand, die Aubinger fürchten, dass der Antikmarkt die Lage noch verschlimmert.

Doch Nöth beschwichtigt auch hier. Viele seiner Besucher kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, so seine Erfahrung aus Freimann. Auch kämen ja nicht alle 300 Fahrzeuge zur gleichen Zeit, der Verkehr verteilt sich doch über die Öffnungszeiten. Der BA-Vorsitzende Josef Assal wirft ein, man könne für die Verkehrslage nicht Wolfgang Nöth verantwortlich machen. Diese Probleme bestehen seit Jahrzehnten und liegen in der Verantwortung der Stadt München.

Immer wieder verdreht Nöth die Augen, schüttelt den Kopf, versucht zu beschwichtigen. Obwohl das Thema Diskothek schon lange vom Tisch ist, meldet sich ein älterer Bürger zu Wort und erinnert an die Zeiten als Neuaubing noch eine eigene Disko, das „Fantasy“, gleich gegenüber vom Bahnhof hatte. Wie schrecklich das doch alles war und man so etwas bitte nicht wieder haben will. Das „Fantasy“ existiert schon lange nicht mehr, an seiner Stelle steht vielen Jahren ein Discounter, auch damals war der Aufschrei groß. Nun demonstriert keiner mehr dagegen, der Verkehrszuwachs wird hingenommen.

 Die Zeit heilt alle Wunden

So erinnert auch Monika Assal, die Jugendbeauftrage des BA 22 daran, dass sich in Aubing schon über vieles aufgeregt wurde, man am Schluss dann doch froh war, dass man es hatte. Josef Assal meinte noch, eigentlich müßte Aubing  doch Nöth für seinen Einsatz um den Erhalt der Hallen die Füße küssen.

Langsam entspannte sich dann auch die Lage im Saal und der Vortrag von Elvira Auer über die Geschichte der Schlafwagengesellschaft in Neuaubing veranlasste die ersten zum Gehen. Es lag sicher nicht am Thema, aber der Dampf war abgelassen, Frau Auers leise Stimme wegen der schlechten Akustik ohnehin kaum zu verstehen.

Denen die aushielten, spendierte Josef Assal noch eine Runde Sekt und Wolfgang Nöth saß am Tisch umringt von Besuchern vor seinen Plänen und wurde mit Fragen gelöchert.

Die weitere Entwicklung bleibt spannend, ich jedenfalls freu mich auf den Antikmarkt.

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